Qualitätssicherung, Aufsicht und Schutz vietnamesischer Auszubildender in Berlin

Qualitätssicherung, Aufsicht und Schutz vietnamesischer Auszubildender in Berlin

Schriftliche Anfrage

28.04.2026

a person using a pencil to cut a piece of wood

In einer Schriftlichen Anfrage (Drucksache 19/25 946) haben meine Kollegin Klara Schedlich und ich den Senat zur Qualitätssicherung, Aufsicht und zum Schutz von vietnamesischen Auszubildenden in Berlin befragt. Hintergrund sind Hinweise auf strukturelle Defizite bei der Kontrolle von Ausbildungsverhältnissen sowie das Phänomen, dass eine erhebliche Zahl angeworbener Azubis nicht mehr in den Betrieben oder Berufsschulen erscheint.



Zentrale Ergebnisse der Anfrage

  • Rolle der Rechtsaufsicht: Die Rechtsaufsicht über die Kammern (IHK, HWK) prüft rein rechtmäßig, ob gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. Für den Zeitraum 2024–2026 lagen laut Senat keine Erkenntnisse darüber vor, dass Kammern bei der Überwachung von Ausbildungsbetrieben mit Drittstaaten-Azubis gegen das BBiG oder die Handwerksordnung verstoßen hätten. Risikobasierte Sonderprüfungen gibt es nicht; es gelten die allgemeinen, anlassbezogenen Instrumente (Betriebsbesuche, Eignungsprüfungen).


  • Problematik des Fernbleibens (OSZ Gastgewerbe): Am Oberstufenzentrum (OSZ) Gastgewerbe gibt es einen größeren Anteil vietnamesischer Auszubildender. Wegen dortiger Auffälligkeiten (Azubis, die nicht mehr erreichbar sind oder dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben) wird das Landeskriminalamt (LKA) seit drei Jahren über Fehlzeiten informiert. Konkrete Gesamtzahlen zu nicht mehr erreichbaren Azubis kann der Senat jedoch nicht nennen.


  • Neue Meldevereinbarung: Seit Oktober 2025 existiert eine abgestimmte Verfahrensregelung zwischen der IHK und dem OSZ Gastgewerbe: Bleiben Azubis drei aufeinanderfolgende Schulblöcke unentschuldigt fern, wird die IHK-Ausbildungsberatung informiert, um den Kontakt zu suchen. In den bisher gemeldeten Fällen habe dies kurzfristig geklärt werden können.


  • Rolle von Agenturen: Der Senat verweist auf Studien der TU Berlin (2025), wonach in Deutschland 181 Agenturen mit 681 Filialen aktiv sind. Insbesondere kleine Agenturen sowie zunehmend digitale Rekrutierungspraktiken via KI und Social Media bergen erhebliche Risiken (Gebühren, Verschuldung).


  • Schutzstrukturen und Taskforce: Zur Bekämpfung von Arbeitsausbeutung und Menschenhandel wurde im Januar 2025 die Gemeinsame Ermittlungsgruppe Arbeitsausbeutung (GEA) von Bund und Land gegründet. Die ressortübergreifende Projektgruppe „Faire Anwerbung und Ausbildung“ arbeitet an Rahmenbedingungen, verfügt jedoch über keine zusätzlichen finanziellen oder personellen Mittel.


Politische Bewertung

Die Antworten des Senats bestätigen die dringende Notwendigkeit, genauer hinzusehen und die Kontrollmechanismen für internationale Ausbildungsverhältnisse drastisch zu verbessern. Dass am OSZ Gastgewerbe das LKA seit Jahren über das spurlose Verschwinden von Auszubildenden informiert werden muss, zeigt das Ausmaß des Problems. Es ist unbefriedigend, dass die Aufsicht der Kammern rein passiv und anlassbezogen agiert, während im Bereich kleiner, oft undurchsichtiger Vermittlungsagenturen über Social Media ein regelrechtes Einreisegeschäft mit unzureichenden Kontrollen betrieben wird. Positiv ist zwar, dass mit der neuen Meldekooperation zwischen OSZ und IHK erste bürokratische Brücken gebaut wurden. Wenn der Senat seiner eigenen ressortübergreifenden Projektgruppe jedoch nicht einmal zusätzliche finanzielle oder personelle Mittel zur Verfügung stellt, bleibt der politische Willensbekundung die reale Durchschlagskraft schuldig.



Mein Fazit

Internationale Ausbildungsmigration darf nicht zu Lasten junger Menschen gehen, die mit großen Hoffnungen nach Berlin kommen und hier in ausbeuterische Strukturen oder in die Hand dubioser Agenturen geraten. Wir fordern einen lückenlosen Schutz, proaktive Kontrollen statt reiner Papierprüfung durch die Kammern und eine deutliche Stärkung der Beratungs- und Ermittlungsstrukturen, damit faire Bedingungen für alle Auszubildenden in Berlin garantiert sind.



Hier gehts zur schriftlichen Anfrage: Link